70 Jahre NVA und 11.MSD
NVA - Interessengemeinschaft Halle/Saale
NVA-Interessengemeinschaft Halle/Saale - Regionalgruppe „Hermann Vogt“
© NVA-Interessengemeinschaft Halle/Saale - Regionalgruppe „Hermann Vogt“
„‘Panzer marsch!‘ alleine reicht nicht“ Das weiß OSL a.D., Werner Rammelt aus eigener Erinnerung
Bei der anderen Übung gab es diese Probleme nicht, dafür aber andere. Die Durchquerung von tieferen Wasserhindernissen war 1958/59 noch nicht ausgereift und wurde in Panzereinheiten der NVA überall noch probiert und trainiert. Bei dieser Übung wollte der Militärbezirk neue Erkenntnisse bei Unterwasserfahrt sammeln. Soviel ich mich erinnere, wurde damals auf eine Turmluke des Panzers ein stabiles Stahlrohr von ca. 40 oder 50 cm Durchmesser wasserdicht aufmontiert. Durch dieses Rohr gelangte während der Durchquerung des Wasserhindernisses genügend Luft zu der Besatzung und für die sichere Funktion des Diesel-Motors des Panzers. Außerdem führte durch das Rohr die Funkantenne, damit während der Fahrt auch eine stabile Verbindung bestand. Also wurden die Panzer, die eine solche Übungsfahrt durchführen sollten, in einem getarnten Gebiet in der Nähe der Elbezufahrt vorbereitet. Die Panzerbesatzungen wurden natürlich vor einer solchen Fahrt theoretisch geschult und belehrt, wie sie zu fahren, zu lenken und sich zu verhalten haben. Das Ungewohnte und Neue dabei ist, dass, so schwer der Panzer auch ist, beim Eintauchen in die seine Höhe überschreitenden Wassertiefe doch
70 Jahre Gründung der NVA und der 11.MSD Erinnerungen und Gedanken aus 35 Jahren Kampf für Frieden zurück 1959 weiter
ein leichter Auftrieb wirkt. Und das erfordert, vorsichtig und gefühlvoll zu lenken, denn der Panzer ist physikalisch etwas leichter geworden und das Abbremsen einer Kettenseite zur Regulierung der Fahrtrichtung wirkt wesentlich schneller und intensiver als auf festem Boden. Los ging es. Immer nur ein Panzer durfte eintauchen und der Nächste erst, wenn der vor ihm sicher auf der anderen Uferseite wieder aus dem Flußprofil der Elbe herausfuhr. An der derzeitigen Durchfahrtsstelle war die Elbe normal tief, so ca. 2,50m, aber in der Flußmitte für die Lastschifffahrt mindesten 1 m tiefer ausgebaggert. Das war der kritische Punkt. Der Fahrer sieht seinen Fahrweg nicht, er muss bei der Anfahrt genau rechtwinklig zum Flußverlauf eintauchen, darf nicht lenken. Er muss gleichmäßig Gas geben und wird, falls nötig, über Funk korrigiert. Einmal wich ein Panzer doch von der Richtung ab und stand längs in Fahrrinne fest. Ein Hin- und Herrangieren brachte keine Lösung. Meine mir beigeordneten Taucher sprangen ins Wasser und befestigten unsere Zugeinrichtung an der des feststeckenden Panzers. Mit unserem Zugpanzer, gesichert durch den vorher eingegrabenen Anker- Panzer, brachten wir den abgerutschten Panzer rückwärts sicher ans Ufer. Bei dieser Aktion lief aber nun nicht alles so ruhig ab, wie ich das heute hier schreibe. Zum Beispiel hatte ich bis dahin noch nie einen General, der zu der Zeit zur Beobachtung und Kontrolle in der Nähe der Unglücksstelle stand, vor Aufregung um eine erfolgreiche Bergun in Halbschuhen durch tiefen Elbeufer-Schlamm rennen sehen. Letztlich kam keiner zu Schaden. Ich weiß den Grund nicht mehr, aber ich wurde plötzlich nach Leipzig zurückbefohlen. Wahrscheinlich war in irgendeiner Truppe ein Panzer havariert und ich musste das untersuchen und protokollieren. Aber genau in diesen Tagen meiner Rückkommandierung passierte es, dass eine Panzerbesatzung auch in der tieferen Fahrrinne festsaß, sich über Funk nicht steuern und korrigieren ließ, wahrscheinlich in Panik geriet und die Flußmitte weiter flussabwärts fuhr. Beim Versuch, aus dem abgesunkenen Panzer auszusteigen sind alle 3 Besatzungsmitglieder durch die starke Strömung weggerissen worden und ertrunken. Tage später wurden sie ca. 30 km flussabwärts leblos geborgen. Das habe ich alles erst später erfahren. Zum Glück waren solche Katastrophen nicht typisch für unseren Alltag.
am 23.3.2026